Das gemeinsame Pilotprojekt „Sturmfest und erdverwachsen? – Visuelle Medien als Spiegel regionaler Identität: Das Bildgedächtnis Weser-Ems“ (BIG WE) der Oldenburgischen Landschaft, des Schlossmuseums Jever und des Museumsdorfs Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum hat als Forschungs- und Digitalisierungsprojekt historische Fotografien und Bauzeichnungen aus der Region Weser-Ems digitalisiert und erschlossen, um sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gestartet war das Projekt im Januar 2024.
Bereits seit März 2025 ist Bildmaterial des BIG WE auf dem Portal Kulturerbe.Niedersachsen.de als Digitale Sammlung „Bildgedächtnis Weser-Ems“ online. Nach Abschluss der zweijährigen Projektlaufzeit sind dort knapp 2.600 Fotografien und Bauzeichnungen zu finden. Durch die Netzwerktätigkeit des BIG WE konnte außerdem mit dem Gemeindearchiv Bad Zwischenahn ein neuer Projektpartner gewonnen werden, der ebenfalls Bildmaterial zur Verfügung stellt.
Zur Digitalen Sammlung „Bildgedächtnis Weser-Ems“ auf dem Onlineportal „Kulturerbe.Niedersachsen“:
https://kulturerbe.niedersachsen.de/sammlung/slg0287/
Abschlusstagung „Bildgedächtnis und regionale Identität“
Am 16. Januar 2026 fand im Kulturzentrum PFL in Oldenburg die Abschlusstagung „Bildgedächtnis und regionale Identität“ statt. Auf der Tagung wurde der Frage nachgegangen, wie visuelles Gedächtnis und regionale Beheimatung miteinander zusammenhängen. Beleuchtet wurde dies anhand verschiedener Vorträge, welche zudem auch die konkrete Arbeit an den Bildquellen erläuterten und aufzeigten, welche archivalischen und digitalen Herausforderungen mit der Pflege von Bildarchiven einhergehen. Jeweils im Mittelpunkt des Vorgestellten stand der dokumentarische Wissensgewinn.
Nach der Begrüßung durch die Direktorin der Oldenburgischen Landschaft Dr. Franziska Meifort haben zunächst die Projektpartner des BIG WE das Projekt vorgestellt: Die Projektkoordinatorin des BIG WE Gesa Soetbeer sprach über die Forschungen zum Heimatfotografen Heinrich Kunst sowie die Erschließungsarbeiten am Nachlass, der sich im Bildarchiv der Oldenburgischen Landschaft befindet und einer der zentralen Bildbestände des BIG WE ist. Dabei kündigte sie an, dass ein Folgeprojekt beantragt ist, um in einem BIG WE 2.0 die Forschungen an diesem Bildbestand, vor allem den Bildern der 1920er und 1930er Jahren, vertiefen zu können. Anschließend stellte Dr. Björn Bertrams, wissenschaftlicher Volontär des Museumsdorfes Cloppenburg, die Arbeiten am Bauzeichnungsarchiv vor, das ein Alleinstellungsmerkmal des BIG WE ist. Dr. Andreas von Seggern sprach schließlich über das Bildarchiv des Schlossmuseum Jevers und die Herausforderungen der Digitalisierung großer Bildbestände.
Nach der Vorstellung des Projektes BIG WE folgten weitere Vorträge, die sich mit der Forschung an verschiedenen Bildbeständen auseinandersetzten. Cai-Olaf Wilgeroth etwa präsentierte die Sammlung historischer Glasnegativplatten der „Müllerschen Werkstatt“ in Neuenburg. Katrin Eden vom Gemeindearchiv Bad Zwischenahn zeigte in ihrem Praxisbericht exemplarisch auf, wie sich die konkrete Arbeit auch mit ehrenamtlicher Unterstützung darstellt. Besondere Bedeutung kam diesem Beitrag zu, da das Gemeindearchiv als erster neuer Projektpartner des BIG WE auch auf dem Portal Kulturerbe.Niedersachse.de vertreten ist.
Auf der Tagung wurde der Blick jedoch auch geweitet: Nicht nur Bildarchive der Region Weser-Ems wurden vorgestellt, sondern auch andere Regionen, wie etwa Westfalen, wurden in die Betrachtung einbezogen. So erklärte Prof. Dr. Gudrun König am Beispiel eines Modefabrikanten aus Laer bei Münster, dass ein lokaler Bildbestand nicht zwangsläufig für die Region Spezifisches abbilden muss, sondern viel mehr auch dafür stehen kann, dass die Mode der Zeit auch in eine ländliche Region Einzug hielt. Dies kontrastierte sie mit ideologisierter Fotografie der NS-Zeit, die unbedingt regionale Identität anhand von Trachten und Handwerk abbilden wollte, auch wenn diese gar nicht historisch korrekt waren. Damit lieferte sie auch eindrückliche Beispiele dessen, was Bilder nicht zeigen.
Zwei weitere Vorträge gaben außerdem überregionale Beispiele: Zum einen stellte Marsina Noll vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde das Projekt „Das Ländliche im Bild. Fotografische Erfassung ruraler Umwelten in der DDR“ vor, wobei sie eindrucksvoll beschrieb, wie die Dokumentation von Dörfern anhand von Bauzeichnungen und Fotografien vor dem Hintergrund staatlicher Ideologie stattfand. Zum anderen erläuterte Prof. Dr. Thomas Etzemüller am Beispiel des „Romantischen Rheins“, welche Wechselwirkungen konstruierte Bilder einer Landschaft und Seherwartungen haben, etwa beeinflusst durch die zeitgenössische Kunst oder durch touristische Interessen.
Vorträge der Tagung :
- Katrin Eden: „Zwischen Nostalgie und wissenschaftlichem Anspruch – Werkstattbericht zum Bildgedächtnis aus dem Gemeindearchiv Bad Zwischenahn“
- Marsina Noll: „Das Ländliche im Bild – Fotografische Erfassung ruraler Umwelten in der DDR“
- Thomas Etzemüller: „Landschaft als Bild-Raum: der ‚Romantische Rhein‘ von 1790 bis heute“
- Cai-Olaf Wilgeroth: „Möbel und Menschen. Die Fotografien des Neuenburger Möbeltischlers Diedrich Müller zwischen Werbezweck und Dokumentationsnutzen“
- Gudrun König: „Die fotografierte Region. Was Bilder nicht zeigen“
- Björn Bertrams, Andreas von Seggern, Gesa Soetbeer: „Das Bildgedächtnis Weser-Ems – Vorstellung des Projekts“
Identitätsstiftung und Anregung von Diskursen
Die umfangreichen Sammlungen visueller Medien der Oldenburgischen Landschaft, des Museumsdorfs Cloppenburg und des Schlossmuseums Jever sind das Fundament des BIG WE. Sie bilden die Lebens- und Arbeitswelten der Menschen in der Region seit mehr als 120 Jahren ab und spiegeln die Transformationsprozesse in der Region wider. So können Diskurse zu verschiedenen Fragestellungen angeregt werden: Wie haben sich die Natur- und Kulturlandschaft gewandelt? Welche Veränderungen gab es in sozialer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Hinsicht? Haben sich Geschlechterrollen gewandelt? Welche technischen Entwicklungen gab es? Wie veränderte sich die Mobilität? Diese und weitere Fragen behandelt das BIG WE und untersucht damit die (historisch gewachsene) Identität der Region Weser-Ems in einer globalisierten Welt.
Forschung, Digitalisierung und Zugänglichmachung
Um gesellschaftliche Diskurse durch das Bildmaterial anzuregen, war es notwendig, die Sammlungen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies geschah durch die Digitalisierung, die quellenkritische Erschließung und die multiperspektivische Verschlagwortung der Bilder. Auf dieser Basis ist es möglich, die Bilder per Suchbegriff auf dem Onlineportal Kulturerbe.Niedersachsen.de zu finden.
Die Bildarchive der Projektpartner
Jeder Projektpartner hat einen besonderen Bilderschatz:
Die Oldenburgische Landschaft besitzt unter anderem den fotografischen Nachlass von Heinrich Kunst. Der in Hatten geborene Lehrer dokumentierte in zahlreichen Bildern das Leben im Oldenburger Land zwischen den 1930er und den 1970er Jahren. Nicht nur das fotografische Schaffen, auch die Biografie des bereits in der NS-Zeit tätigen Fotografen ist von besonderem Interesse.
Hier geht es zur Kurzbiografie Heinrich Kunst, die im Zuge des Projektes erarbeitet wurde: Kurzbiografie Heinrich Kunst
Das Schlossmuseum Jever verfügt neben seinem Altbestand über das sehr umfangreiche Bildarchiv der NWZ sowie weiterer Pressefotografen der Region. Diese Sammlung bildet das gesamte gesellschaftliche Leben der Region nach Ende des Zweiten Weltkrieges ab, von den Nachwirkungen des Krieges auf die Menschen über die wirtschaftlichen Entwicklungen bis hin zu Besuchen von wichtigen Amtsträgern oder Prominenten in der Region.
Das Museumsdorf Cloppenburg bietet eine Sammlung, die eine herausragende Dokumentation der Lebens- und Arbeitswelt des nordwestdeutschen Raums darstellt. Ergänzt wird diese durch über 1.000 Bauzeichnungen, die die äußere Gestalt, die innere Gliederung sowie die technische Konstruktion von Bauwerken zeigen.
Vorreiterrolle und Netzwerkaufbau
Als institutionsübergreifendes Digitalisierungsprojekt hatte das BIG WE nicht nur in der Region Weser-Ems, sondern auch in Niedersachsen eine Vorreiterrolle inne. Basierend auf den Bildarchiven der Projektpartner wurde eine Grundstruktur erarbeitet, um im Laufe des Projekts ein Netzwerk mit weiteren Partnern aufzubauen. Das Gemeindearchiv Bad Zwischenahn ist als erster neu gewonnener Projektpartner des BIG WE ebenfalls im Online-Bildarchiv auf Kulturerbe.Niedersachsen.de zu finden. Vertreten ist es mit 170 Bildern aus den Bereichen Gesellschaft und Lokalgeschichte.
Projektkoordinatorin: Gesa Soetbeer M.A.
Projektlaufzeit: Februar 2024 bis Januar 2026
Gefördert mit Mitteln aus zukunft.niedersachsen, ein Förderprogramm des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung.
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